Predigten in bewegenden Zeiten (1) | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht von Rainer Leffers am Fr., 20. Mär. 2020 16:15 Uhr

Liebe Gemeindeglieder der Trinitatis-Kirchengemeinde,

im Augenblick müssen Sie auf liebgewordene kirchliche Angebote verzichten. Dazu gehören vor allem unsere Sonntagsgottesdienste in der Trinitatiskirche. Wir haben uns entschlossen, an den kommenden Sonntagen, an denen kein Gottesdienst stattfindet, Ihnen einen Angebot zu machen, mit dem wir Sie an den Predigtworten Anteil nehmen lassen; für den jeweiligen Sonntag verfassen wir eine Predigt, die dann auf unserer Homepage (www.trinitatis-berlin.de) veröffentlicht wird, und auch analog in ausgedruckter Form in den Plexiglaskästen am Gemeindehaus und an der Kirche erhältlich ist. So wollen wir geistlich mit allen Gemeindegliedern verbunden bleiben.



Wir wünschen Ihnen eine besinnliche Passionszeit und ein frohmachendes Osterfest. Bleiben Sie gesund und behütet



Ihr Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt und Ihr Pfarrer Manfred Naujeck.

Meditation zu Psalm 34,8: Fürchtet euch nicht!

Der Engel Gottes lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Engel.
Sie lagern um uns herum.
Sie breiten ihre Flügel aus oder ihre Arme – je nach dem.
Sie schützen nicht vor dem Virus.
Aber vor der Angst
Das können sie:
Uns die Angst nehmen.
Und die Panik vor dem, was uns beunruhigt.
Engel wiegen uns nicht in falscher Sicherheit.
Aber sie können die verängstigte Seele wiegen.
In ihren Armen oder Flügeln – je nach dem.

In: www.Gottesdienstinstitut der Nordkirche. Gottesdienstkultur in Corona-Zeiten. Gebete und Meditationen, 2020.

Predigt für den 22. März 2020, Lätare (Jes 66, 10-14), Pfr. Ulrich Hutter-Wolandt

Liebe Gemeinde,

Lätare – freut euch, so heißt der heutige Sonntag. Können wir uns an diesem Sonntag tatsächlich freuen, wo wir doch das ganze Gemeindeleben heruntergefahren haben: keine Gottesdienste, keine Andachten, kein Konfirmandenunterricht, keine Klein-Kindgruppen, keine KITA … Von Freude ist da wenig zu spüren. Vielleicht haben sich die Israeliten damals im 6. Jahrhundert vor Christus ähnlich gefühlt in der Babylonischen Gefangenschaft, denn sie hatten den Krieg gegen die Babylonier verloren, waren aus ihrer Heimat verschleppt worden, weit weg in ein fremdes Land, unter fremde Menschen, in eine fremde Kultur. Kein Zuhause mehr, kein König mehr, keinen Tempel mehr, und – wie viele glaubten – auch keinen Gott mehr. Viele klagten: Unseren Gott Jahwe? Den gibt’s nicht mehr. Der ist mit unserem Tempel untergegangen und mit Jerusalem und mit unserem Heimatland. Nach den furchtbaren Auswirkungen des verlorenen Krieges, der Gefangennahme und der Wegführung ins Exil erbarmt sich Gott und macht seinem Volk durch das Wort des Propheten wieder Mut, schenkt ihnen Aussicht auf eine neue und herrliche Zukunft. Das hört sich gut an. Und tröstlich. Aber wer sagt uns, dass Gott sich nicht längst wieder abgewandt hat? Von uns? Spricht er noch mit uns?

Lätare, freut euch – eine seltsame Aufforderung in Zeiten des Corona-Virus und all den Folgen, die seine rasend schnelle Verbreitung für unseren Alltag auch in den Kirchengemeinden bedeutet.

Lätare, freut euch - Schulen und Hochschulen geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, Ausgangssperren nicht mehr ausgeschlossen, falls die Menschen ihr Verhalten nicht ändern, „soziale Distanz“ zu den Mitbürgern, damit die Verbreitung des Virus nicht noch weiter voranschreitet und es tausende Tote wie in Italien gibt. Risikogruppen definiert, Verhaltensmaßnahmen festgelegt, alles Maßnahmen, die die Verbreitung des Virus stoppen oder zumindest verlangsamen soll. Damit will man verhindern, dass das Gesundheitswesen unter einer allzu großen Anzahl von Corona-Patienten nicht zusammenbricht.

Lätare, freut euch – ist es nicht eher trostlos diese bewegende Zeit und wir fragen uns: wie können wir unserem Mitmenschen dennoch Gottes Menschenfreundlichkeit nahebringen, wenn wir keine Hausbesuche, Krankenbesuche oder Besuche im Alten- und Pflegeheim mehr machen dürfen? Wenn wir den Gottesdienst nicht mehr miteinander feiern oder nach dem Gottesdienst zum Kirchenkaffee zusammenbleiben dürfen? Wenn sich KonfirmandInnen nicht mehr regelmäßig treffen und vielleicht auch die im Mai 2020 vorgesehenen Konfirmationen nicht feiern können.

Lätare, freut euch – gerade an diesem Sonntag, der gern als kleines Osterfest in der Passionszeit bezeichnet wird, kommt uns dieser Anfang des Predigttextes fremd vor. Prophetenstimme V. 10-12a  Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12 Denn so spricht der HERR: Gottesstimme V. 12b-13 - Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Prophetenstimme V. 14ab – Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Der kleine Paul kommt weinend in die Küche gerannt, weil von einer Biene im Garten gestochen wurde. Die Mutter nimmt ihn in die Arme, tröstet ihn und Paul beruhigt sich wieder und hört auf zu weinen. Vielleicht hat die Mutter dann auch noch eine Salbe oder ein anderes Hausmittel auf den Stich gegeben. Aber dem kleinen Paul genügt es zunächst, einfach die Nähe und Umarmung der Mutter zu spüren, die beruhigenden und tröstenden Worte zu hören. Und genau in diese Richtung ist auch der Vers 13 aus unserem Predigtwort zu verstehen: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet (Jesaja 66,13). Gott verspricht uns durch den Propheten Jesaja: „Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so tröste ich euch.“ Wir sind zwar keine kleinen Kinder mehr, und doch brauchen auch wir immer wieder Trost, gerade in dieser scheinbar trostlosen Zeit des Corona-Virus.

Es gibt genügend Situationen in unserem Leben, in denen wir Schmerz erfahren, körperlichen oder auch seelischen Schmerz; es gibt genügend Situationen, in denen wir traurig sind, weil wir Verlusterfahrungen machen mussten so wie die Menschen, die jetzt durch Corona einen lieben Menschen verloren haben. Und gerade da will Gott selber uns trösten, so wie eben eine Mutter ihr Kind tröstet.

Was ist eigentlich Trost? Was meint dieses für manche Zeitgenossen vielleicht sogar altertümliche Wort? Wenn man sich über die Herkunft informieren will, dann schauen heute meist jüngere Menschen ins Internet und lesen dort, dass das Wort „Trost“ sprachlich mit dem indogermanischen Wortstamm „treu“ zusammenhängt und „innere Festigkeit“ bedeutet. Das griechische Wort für Trost (parägoria), bedeutet „Ermutigung“ im umfassenden Sinn und „Trost“ zukommen lassen.

Trost will uns also innerlich aufrichten und stärken; Trost will uns ermutigen und aufbauen; Trost will uns auch konkret helfen und unsere jetzt manchmal schwierige oder traurige Situation verändern. Darum dürfen wir in Not, in Schmerz, in Traurigkeit, in Verzweiflung, in Not wie ein Kind zu Gott kommen, um von ihm getröstet werden. Gott ist wie eine gute Mutter. Der Begriff Trost steht darum auch in der reformierten Katechismus-Tradition, wie z.B. im Heidelberger Katechismus (1563), ganz oben an. Denn zu Beginn dieser reformierten Bekenntnisschrift steht die Frage nach dem einzigen Trost: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ (Frage 1) Und in klarer Weise wird von Zacharius Ursinus, dem Verfasser dieses Katechismus, die Antwort gegeben: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“ Im Neuen Testament, im Johannes-Evangelium kommt der Begriff „Trost“, „Tröster“ einige Male an herausgehobener Stelle vor. In der Abschiedsrede an seine Jünger spricht Jesus vor seinem Tod vom Tröster und bezeichnet damit den Heiligen Geist, den er den Gläubigen senden wird. Im Heiligen Geist ist Gott der Tröster, durch den Heiligen Geist lässt Gott uns Trost zukommen. Und wie ist der Zusammenhang von Gott und Mutter zu verstehen: im Hebräischen, der ursprünglichen Sprache des Alten Testamentes, ist das Wort „Geist“ grammatikalisch gesehen ein weibliches Wort, ein Femininum. So kann man mit gutem Grund sagen, dass der Heilige Geist, der ja ein Teil, eine Seinsweise des dreieinigen Gottes ist, dass der Heilige Geist gewissermaßen die weibliche und damit auch die mütterliche Seite Gottes darstellt. Gott ist wie eine tröstende Mutter. Und so nehmen wir das Angebot des Jesaja in diesen bewegenden Zeiten an und lassen uns von Gott in die Arme nehmen und uns seinen Trost zusprechen.

Darin besteht die Kraft dieses Jesaja-Wortes: Es verkündet die frohe Botschaft, dass die Welt trotz aller Bedrohung und Gefährdung, trotz der Corona-Epidemie dennoch voller Trost ist: im momentan übertragenen Sinne in den Armen von Müttern und Vätern, von Freundinnen und Freunden, Familien und Nachbarschaften, die uneigennützig helfen, und so den tröstlichen Frieden, den Gott den Seinen verspricht, weitergeben.

Mal gehören wir zu den Zweiflern, mal gehören wir zu den Fröhlichen und den Jubelnden. Das kann jedes Mal ein bisschen anders sein. Aber immer haben wir dabei eine Aufgabe: die Sackgassen zu sehen und auszuhalten. Wo bin ich daran beteiligt, dass andere in Sackgassen geraten sind, dass zerbrechlicher Friede zerbricht, dass unsere Schöpfung den roten Faden verloren hat? Wo bin ich mitschuldig, dass Kreaturen, Tiere und Pflanzen sinnlos leiden und vergehen, dass Menschen hungern oder fliehen? Oder in Gefängnissen verzweifelt schreien? Nur wenn wir die Sackgassen erkannt haben, in die wir gerannt sind oder in die wir getrieben wurden, werden wir auch offen sein für das Wort, das die Mauern durchbricht und uns herausführt. Wir sind noch immer in der Passionszeit. Genau mittendrin. Aber nicht ohne Hoffnung, Trost und Liebe. Einer Liebe, die sogar die augenblickliche Distanz aushält. Dies sollen wir den Menschen, mit denen wir jetzt vielleicht auch mit anderen Kommunikationsmitteln begegnen, erzählen. Dabei kann uns ein Text helfen, den der niederländische Theologe Huub Oosterhuis verfasst hat:

Wie eine Mutter sorgt
Wie eine Mutter sorgt für Kinder, die ihr anvertraut,
und einsteht, dass sie leben;
So wirkt ein Gott der Liebe, keine Stund
verlässt er uns.
Nicht mehr verstummt das Wort,
das er uns hat gegeben.
Amen.

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