Predigten in bewegenden Zeiten (3) | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht von Rainer Leffers am Fr., 3. Apr. 2020 13:18 Uhr

Liebe Gemeindeglieder der Trinitatis-Kirchengemeinde,

im Augenblick müssen Sie auf liebgewordene kirchliche Angebote verzichten. Dazu gehören vor allem unsere Sonntagsgottesdienste in der Trinitatiskirche. Wir haben uns entschlossen, an den kommenden Sonntagen, an denen kein Gottesdienst stattfindet, Ihnen einen Angebot zu machen, mit dem wir Sie an den Predigtworten Anteil nehmen lassen; für den jeweiligen Sonntag verfassen wir eine Predigt, die dann auf unserer Homepage (www.trinitatis-berlin.de) veröffentlicht wird, und auch analog in ausgedruckter Form in den Plexiglaskästen am Gemeindehaus und an der Kirche erhältlich ist. So wollen wir geistlich mit allen Gemeindegliedern verbunden bleiben.

Wir wünschen Ihnen eine besinnliche Passionszeit und ein frohmachendes Osterfest. Bleiben Sie gesund und behütet

Ihr Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt und Ihr Pastor i. R. Manfred Naujeck.

Gebet zum Sonntag Palmarum

und verändern ...
Weil wir von Hilfe leben, helfen wir an diesem Tag, helfen wir dem ohne Hilfe und verändern den Tag.
Weil wir von Taten leben, handeln wir in diesem Jahr, handeln wir für Tatenlose und verändern das Jahr.
Weil wir von der Liebe leben, lieben wir in dieser Zeit, lieben wir den ohne Liebe und verändern die Zeit.
Weil wir von Hoffnung leben, hoffen wir für diese Welt, hoffen wir für Hoffnungslose und verändern die Welt.
(Eckart Bücken, in: Kiel oben, Kiel unten. Neues Kirchenlied 1972, Kiel 1972, S.72) 

Predigt zum Sonntag Palmarum 5. April 2020 über Phil 2, 5-11 von Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt

In der russisch-orthodoxen Kirche heißt ein alter Ostergruß: ,,Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Dieser Gruß macht deutlich, dass das Ostergeschehen nur aus der Passionszeit vom Karfreitag her zu deuten ist: Es gibt kein Ende, aus dem Gott nicht einen neuen Anfang macht. Das ist der Grund unserer Hoffnung für alles, was wir als Christinnen und Christen in dieser Welt tun. Denn dafür bürgt der, der als Erster durch den Tod ins Leben gegangen ist: Jesus Christus. Jesus Christus ist nicht für sich selbst gestorben, sondern er ist für uns in den Tod gegangen und von Gott am dritten Tage auferweckt worden.

Auch wenn wir jetzt während der Corona-Krise nicht in unserer Trinitatiskirche Sonntag für Sonntag Gottesdienst feiern können, so werden wir durch den Predigttext daran erinnert, dass der Sonntag nicht der letzte Tag der Woche, sondern der erste Tag der neuen Woche ist, was wir bei allen vier Evangelisten im Neuen Testament finden: „Am ersten Tag, da die Woche anbrach“. Jeder Sonntag im Kirchenjahr will uns ins Bewusstsein rufen, dass dieser Tag der Tag ist, da Jesus Christus für mich vom Tod erstanden ist und mir Gerechtigkeit, Trost, Leben, Heil und Seligkeit geschenkt hat. Es gab Zeiten in der Geschichte der ersten Christinnen und Christen, in denen das Bekenntnis zum Sonntag die jungen Gemeinden Blut und Tränen kostete. Im Jahre 112 schrieb ein Statthalter namens Plinius an Kaiser Trajan einen Brief, in dem er davon sprach, dass ihm die Christen aufgefallen seien, weil sie ,,regelmäßig an einem bestimmten Tag vor Tagesanbruch zusammenkommen, um für Christus als einem Gott miteinander ein Loblied anzustimmen“. Ein solches Loblied könnte das uralte christliche Gemeindelied gewesen sein, das Paulus in Phil 2 zitiert. In Form einer Parabel beschreibt es den Weg Jesu Christi von Gott zu uns und von uns zu Gott. Dabei werden in dem Lied die wichtigsten christlichen Hauptfeste wie Weihnachten, Karfreitag und Ostern angesprochen; am Schluss des Liedes geht es um die Wiederkunft Christi am jüngsten Tage. Doch hören wir den Predigttext in einer Übertragung in unsere Zeit: Sinnt Jesus Christus nach / und singt, ihr Christen seinen Namen:/ Du bist wie Gott, / Du hast dir nichts darauf eingebildet, /Du hast dir nichts daraus gemacht. / Du bist herausgetreten / aus der Rolle des Allmächtigen, /Du bist in die Knie gegangen / an die Seite der Ohnmächtigen. / Du bist einer von uns, / ein Mensch wie wir. / Du lebst und stirbst, wie Gott es will, / ganz unten – bis zum letzten Atemzug. Gott hebt dich auf, / Gott richtet deinen Namen auf / über alle Namen / im Namen der Ohn-Mächtigen. / Gott will es so / und niemand kann sich dem entziehen, / alle werden einstimmen: Alle Macht über Menschen hat ein Ende. / Herr ist Christus. / Gott sei gelobt.

Paulus hat dieses Lied aus dem Philipperbrief vorgefunden. Worum geht es dem Verfasser oder der Verfasserin des Liedes? Zunächst geht es um eine Wegbeschreibung, den Weg Christi von Gott zu uns. Es werden zwei Eckpunkte benannt, die jedes menschliche Leben begrenzen: Geburt und Tod. Oder um es in der Sprache der christlichen Feste zu sagen: Weihnachten und Karfreitag. Jesus kommt in die Welt und wird zur Quelle unseres Heils, er ist derjenige, durch den unser Leben heil wird. Oder wir können es auch alttestamentlich beschreiben: es ist der Zustand des ,,Schalom", des Friedens zwischen Gott und Mensch. Das zerstörte Verhältnis des Menschen zu Gott erfährt durch das Kommen Jesu Christi in unsere Welt eine neue Qualität.

Wir meinen oft, dass wir selbst in der Lage sind, unsere Welt heil zu machen, nachdem wir einiges dazu beigetragen haben, dass es auf der Welt heil-los zugeht wie im Augenblick während der Corona-Krise. Wir brauchen doch nur in die Welt zu schauen, wie es in ihr aussieht. Da hören wir jeden Tag die neuesten Zahlen der Corona-Pandemie und selbst so kleine Länder wie die Färöer sind mittlerweile von diesem Virus befallen. Und dann blicken wir hier in Deutschland auf die geschlossenen Geschäfte, Restaurants, Museen oder die anderen Kultureinrichtungen und schließlich auch auf unsere Kirchen und Gemeindeveranstaltungen, im Augenblick ist alles heruntergefahren und die Menschen fragen sich, wie schnell kann das normale Leben, wenn die Maßnahmen aufgehoben sind, überhaupt weitergehen? Müssen wir weiter so hektisch bleiben wie vor Corona? Oder lernen wir nicht vielleicht aus diesen Corona-Tagen unser Leben zu entschleunigen? Können wir wirklich glauben, dass wir selber in der Lage sind, diese Welt wieder heil zu machen? Darum halten wir fest: nicht die Menschen, sondern Jesus Christus ist die Quelle unseres Heils. Weil er allein unser Leben heil machen kann.

Der Weg Jesu, so haben wir gesagt, geht von Gott, dem Schöpfer aller Dinge, aus. An Weihnachten wird Gott ein Mensch wie wir, aus dem ,,Herrn aller Herren“ wird ein Knecht: ein Bild, das uns schon aus den vier Gottesknechtsliedern (im Buch Jesaja) bekannt ist. Wenn wir uns mit Jesus auf den Weg machen, ihm also nachfolgen, praktizieren wir etwas, was nicht auf der Tagesordnung dieser Welt steht, sondern wir üben Demut und zeigen Solidarität und damit Echtheit. Wenn wir uns darauf einlassen, nehmen wir uns Jesus zum Vorbild, wie es auch Paulus den Philippern deutlich zu machen versucht. Darum lautet die Absicht des Textes: Keine Großmannssucht, kein Prahlen, keine Maskierung, keine Unechtheit. Jesu Weg ist darum unser Weg, weil es einen anderen Weg für uns als Christen nicht gibt.

Und am Karfreitag, der am Ende der Passionszeit steht, gibt Jesus sich gehorsam gegenüber Gott in den Tod. Aus dem Gottesknecht wird jetzt das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt (Joh 1, 29). Jesus opfert sich selber am Kreuz, aber das heißt nicht, dass er sein Leben voll Verachtung und Selbstablehnung weggeworfen hat. Nein! Geopfert hat er sich in der Liebe zu uns. Denn Liebe ist das Motto seines Weges, Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst, zu jedem Leben ohne Ausnahme, das es in der Schöpfung Gottes gibt, weil Gott es so will. Die Konsequenz eines solchen Verhaltens ist darum für uns, dass unser Weg ebenso ein Weg der Liebe sein muss. Wenn wir aber unsere Umwelt, den Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen zerstören, müssen wir wissen, dass wir dabei Gott nicht auf unserer Seite haben.

Nun bleibt unser Lied Phil 2,5-11 nicht beim Tod stehen, der Text geht weiter und macht uns auch in der Passionszeit Hoffnung. Diese ist verbunden mit Ostern und der Wiederkunft Jesu Christi. Es hat nicht beim Scheitelpunkt der Parabel, dem Tod am Kreuz, sein Bewenden, sondern es folgt ein Morgen danach, an dem Christus durch das „tiefe Tal zurück zu Gott gegangen ist“. Und das soll schließlich auch das Ziel unseres Weges sein, wenn wir Jesus nachfolgen. Beides gehört dann zusammen, wie es im Matthäusevangelium heißt: ,,Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird´s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden“ (Mt 10,38f.). Mit der Auferstehung Jesu Christi gibt Gott uns einen neuen und endgültigen Grund der Hoffnung. Das gilt es als Christinnen und Christen immer wieder zu bekennen: in allen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereichen in unserem Land vor allem jetzt unter den Vorzeichen der Corona-Krise. Wenn wir das nicht mehr aussprechen, was nützt uns dann aller christlicher Glaube?

Mit dem letzten Teil des Liedes, in dem es um die Wiederkunft Jesu Christi geht, wird uns nicht nur der Grund der Hoffnung, sondern auch das Ziel unserer Hoffnung angegeben. Ziel ist das Leben in der Gegenwart Gottes. Oder wie es bei Paulus in 2. Kor 5, 17 steht: ,,Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden“.

Das Christentum, recht verstanden, ist kein Pflaster für die Wunden, die Menschen nach und nach in dieser Welt zugefügt bekommen oder sich selbst zufügen. Wir leben in der Spannung zwischen dem, was wir schon jetzt erfahren können, und dem, was noch kommt. So sind wir unterwegs, um ans Ziel zu kommen, das mit einem Trostwort aus dem Hebräerbrief nicht treffender umschrieben werden kann: ,,Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern es ist die zukünftige, die wir suchen" (Hebr 13,14). Martin Luther hat in seiner Palmsonntagspredigt des Jahres 1531 den Text Phil 2 ganz im paulinischen Sinne ausgelegt: Leben nach dem Vorbild Christi. Und so heißt es bei Luther: „Er will uns also durch sein eigenes Beispiel dahinführen und weisen, dass wir dergleichen auch tun; unsrer Gaben uns nicht überheben, sie nicht hoffärtig missbrauchen, sondern mit allem Willen unsrem Nächsten dienen und zu seinem Besten dieselben brauchen sollen.“ Darum bleib bei uns gerade in diesen Tagen mit deiner Gnade, Herr Jesu Christ, bleib mit deiner Gnade bei uns, du treuer Gott. Amen.



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