Predigten in bewegenden Zeiten (4) Gründonnerstag | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht am Do., 9. Apr. 2020 15:00 Uhr

Liebe Gemeindeglieder der Trinitatis-Kirchengemeinde,

im Augenblick müssen Sie auf liebgewordene kirchliche Angebote verzichten. Dazu gehören vor allem unsere Sonntagsgottesdienste in der Trinitatiskirche. Wir haben uns entschlossen, an den kommenden Sonntagen, an denen kein Gottesdienst stattfindet, Ihnen einen Angebot zu machen, mit dem wir Sie an den Predigtworten Anteil nehmen lassen; für den jeweiligen Sonntag verfassen wir eine Predigt, die dann auf unserer Homepage (www.trinitatis-berlin.de) veröffentlicht wird, und auch analog in ausgedruckter Form in den Plexiglaskästen am Gemeindehaus und an der Kirche erhältlich ist. So wollen wir geistlich mit allen Gemeindegliedern verbunden bleiben.

Wir wünschen Ihnen eine besinnliche Passionszeit und ein frohmachendes Osterfest. Bleiben Sie gesund und behütet
Ihr Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt und Ihr Pastor i. R. Manfred Naujeck.

Andacht zum Gründonnerstag am 9. April 2020 von Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt

Ankommen – zu sich kommen – sich einstimmen

Hinter mir Tage der Arbeit. Ich habe mich am letzten Wochenende auf einer Bank niedergelassen. Ich habe den Wunsch, dass sich alles in mir setzt. Alles Laute des Tages soll abklingen. Die Geschäftigkeit – die Spannung – die Unruhe – die Trauer über die nun seit über 14 Tagen andauernden Maßnahmen wegen der Corona-Krise. Alles soll abklingen. Vor mir Tage der Ruhe, Tage des Nachdenkens, Karfreitag und Ostern. Tage für mich und für Gott. Vor mir dieser Abend. Ich möchte still werden und hören, Gott. So komm in mich. Warte auf mich. Und taue mich auf. Enträtsele, was ich bin. Komm in mich. Ich hebe meine Augen auf zu dir, warte und höre. Oculi nostri ad dominum deum.

Zu Psalm 19

Gott, dein Wort ist ohne Hintersinn
und du nimmst es nicht zurück.
Gott, deine Gesetze sind verlässlich,
alle schaffen sie Gerechtigkeit.
Mehr wert sind sie als Gold,
als alle Vorräte an Feingold,
angenehmer als Honig schmecken sie,
auch als ganz frischer Tropfhonig.

Wer sich von ihnen leiten lässt,
kann mit dir leben, Gott.
Wer sie beachtet,
macht das eigene Leben ertragreich.

Doch wie kann ich von mir wissen,
ob ich mich nicht versehentlich schuldig gemacht habe?
Mache mich frei von aller Schuld,
die meiner Aufmerksamkeit entgangen ist.
Vor Verführung bewahre mich,
an dich will ich mich halten,
dass jene nicht Macht über mich gewinnen,
damit ich unverletzt und unversehrt
von schwerer Schuld bleibe.

Alles, was ich sage,
soll dich erfreuen können,
alles, was ich denke,
soll seinen Platz vor dir haben.
Denn du, Gott, hältst mich fest,
und du rettest mich.

Meditation zu Gründonnerstag

Hoher Besuch

Lasst mich eine Geschichte erzählen: Stellt euch vor, Jesus käme persönlich zu Besuch und wir wissen nichts davon. Wie immer hat jemand vergessen, die Hausfrau zu unterrichten, wenn Besuch kommt. Und hier kommt nicht irgendein Besuch aus der Nachbarschaft, hier kommt Hoher Besuch. Hier kommt nicht irgendein hoher Besuch, hier kommt Jesus Christus, Gottes Sohn. Zu Besuch. Zu uns, zu mir. Und nichts ist vorbereitet!

Was hätten wir nicht alles getan, wenn wir das früher gewusst hätten. Was stünde zu essen auf dem Tisch? Was wäre noch einmal geputzt und umgeräumt worden? Wie hätten wir das Zimmer hergerichtet und geschmückt? - Es muss schon einer sehr weit weg sein von dem, wenn er meint, Jesus sei doch unser aller Bruder und für den müsse man keinen Aufwand treiben.

Es kommt noch schlimmer! Stellen Sie sich vor: Nicht nur unser Herr Jesus Christus kommt zu Besuch, ohne dass wir etwas vorbereitet hätten. Sondern: Er setzt sich nicht gemütlich hin, um sich von uns bedienen zu lassen. Nein, plötzlich steht er auf, geht in die Kammer, holt den Besen hervor und beginnt zu putzen. Freundlich, wie wir ihn kennen, aber bestimmt, putzt er die Wohnung.

Dabei hatten wir bisher darauf geachtet, dass er so sitzt, dass er die schmutzigen Stellen nicht sieht und nicht mitbekommt, wo der Putz schon etwas bröckelt. Wir hatten gehofft, durch überschäumende Freundlichkeit den Mangel an Vorbereitung wett machen zu können. Jetzt aber, mit dem Besen in der Hand, sieht Jesus genau, wo der Staub seit Jahren liegt und wo unsere Wohnung alles andere als gepflegt ist.

Der Widerstand des Petrus

Jede Hausfrau braucht nur diese Schreckensgeschichte zu hören, um den Petrus richtig zu verstehen, der es nicht zulassen will, dass Jesus ihm die Füße wäscht. Die vom Staub der Straße schmutzigen Füße hält man dem Herrn nicht entgegen, lässt ihn den Schmutz nicht abwaschen, den Sklavendienst nicht tun.

Man muss den Widerstand des Petrus verstehen. „Ihr nennt mich Herr und Meister“, bestätigt ihm Jesus, und Jesus ist Herr und Meister. Und Petrus wird nichts dagegen einzuwenden haben, denn schließlich ist er zum Felsen der Gemeinde Jesu auserwählt worden. Keine unbedeutende Position in der Ordnung der Welt! Daher der Widerstand, wenn nicht irgendjemand, sondern der Herr, wenn Gott selbst die Ordnung des Oben und Unten durcheinanderbringt und beginnt, seinen Jüngern die Füße zu waschen.

Den Niedrigen dienen

„Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es.“ Jesus bringt nicht oben und unten durcheinander. Er tut nicht so, als sei zwischen Gott und Mensch, zwischen dem Meister und dem Jünger kein Unterschied. Wohl aber bringt Jesus unser Bild von dem durcheinander, was dem „oben“ und was dem „unten“ zukommt. Denn das, was wir als niedrige Arbeit, als Sklavendienst ansehen, das nimmt Jesus für sich selbst in Anspruch. Das, was für uns nur als Arbeit des Niedrigeren für den Höheren denkbar ist, dreht Jesus um. Wir sollen dem anderen nicht dienen, weil er mächtiger oder reicher ist. Es ist im Reich Gottes kein Zeichen der Niedrigkeit dem anderen zu dienen, sondern ein Zeichen der Liebe zu den Menschen, sowie Gott es will.

„Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“

Zum Glück ist die Fußwaschung nicht eine beliebige Illustration einer nackten Theorie, sondern brennpunktartig ein Blick darauf, was Jesus in Bezug auf seine Gemeinde und Gott in Blick auf seine Schöpfung will.

Gott ist derjenige, der uns mit seiner Hingabe und Liebe dienen will. Gott ist derjenige, dem wir unsere schwachen, ja selbst unsere unansehnlichsten Seiten hinhalten dürfen, damit er heilt und reinigt. Es ist die Zusage seines Bundes mit uns, dass er uns liebt und uns mit seinem eigenen Leben, mit Fleisch und Blut, am Leben hält. Daher können wir auch mit Petrus den Widerstand gegen Gott aufgeben und uns eine persönliche Verbindung zu Gott wünschen, die er uns anbietet. Im Brot das wir brechen, im Kelch, den wir miteinander teilen, wird er selbst gegenwärtig und schenkt sich uns. Amen.

Fürbitten

Jesus Christus, du hast den Widerspruch zwischen Jubel und Ablehnung, zwischen Glanz und Elend in deinem Leben und Leiden durchgehalten. Doch in uns herrscht Zerrissenheit. Wir fürchten das Leiden. Wir versuchen ihm auszuweichen und passen uns lieber herrschenden Meinungen an. Du aber bist dir selbst in deiner Liebe zu uns treu geblieben.

Darum bitten wir dich für alle, die fasziniert sind von den Versprechungen der Macht, dass sie sich nicht verführen lassen.

Wir bitten dich für alle, die jetzt in der Corona-Krise durch Vorurteile und Schwarzmalerei verhärtet sind, dass ihre Herzen von deiner Liebe aufgetaut werden.

Wir bitten dich für die Einflussreichen und Mächtigen, dass sie von deiner Ohnmacht lernen, und für die Ohnmächtigen, dass sie deine Macht erfahren.

Schenke uns deinen Geist, den Geist deiner unwiderstehlichen Liebe, dass wir im Blick auf dich leben können. Amen.



Kategorien Predigten