Predigten in bewegenden Zeiten (7) Quasimodogeniti | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht am So., 19. Apr. 2020 08:00 Uhr

Liebe Gemeindeglieder der Trinitatis-Kirchengemeinde,

im Augenblick müssen Sie auf liebgewordene kirchliche Angebote verzichten. Dazu gehören vor allem unsere Sonntagsgottesdienste in der Trinitatiskirche. Wir haben uns entschlossen, wie schon an den Sonn- und Feiertagen zuvor und an den kommenden Sonntagen, an denen kein Gottesdienst stattfindet, Ihnen einen Angebot zu machen, mit dem wir Sie an den Predigtworten Anteil nehmen lassen; für den jeweiligen Sonntag verfassen wir eine Predigt, die dann auf unserer Homepage (www.trinitatis-berlin.de) veröffentlicht wird, und auch analog in ausgedruckter Form in den Plexiglaskästen am Gemeindehaus und an der Kirche erhältlich ist. So wollen wir geistlich mit allen Gemeindegliedern verbunden bleiben.

Wir wünschen Ihnen eine Mut machende Osterzeit.
Bleiben Sie gesund und behütet

Ihr Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt und Ihr Pastor i. R. Manfred Naujeck.

Meditation zu Psalm 116

Wie die neugeborenen Kinder schreien nach der Milch, die sie nährt
so schreit in uns der Hunger nach dem Leben, das von dir kommt, Gott.

Ich sehne mich nach dir, Herr,
denn du kennst die dunklen Wünsche meines Herzens.
Wie ein Freund sein Ohr neigt über den Mund,
der nur noch flüsternd stammeln kann,
so neigst du dein Ohr zu mir,
wenn meinem Beten die Kraft und die Worte fehlen.
Du hast deine Nähe den Kindern versprochen,
den Schwachen, die ganz auf Hilfe angewiesen sind.
Darum darf ich mitten in der Angst mit dir rechnen.
Wenn die Zukunft mich überfällt.
Wie ein drohender Schatten,
darf ich ausschauen nach deinem Licht.
Denn der Balken, der dir den Tod brachte,
rettet mir das Leben.
Er wird mich tragen an sicheres Land,
wo die Stürme dieser Welt
keine Gewalt über mich haben.

Klaus von Mering

Gedanken zum Mitdenken für den 1. Sonntag nach Ostern - Quasimodogeneti

Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: «Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber»? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jesaja 40, 26-31)

„Laufen und nicht matt werden“ - das müsste schön sein. Was für ein Angebot! Was für eine Zusage, ein Versprechen! Doch wer kann das schon hören und annehmen? Erst recht nicht jene, die am Ende ihrer Kraft sind, nicht nur erschöpft, sondern resigniert. Alles scheint sinnlos geworden zu sein. Eine bleierne Müdigkeit bedrückt sie und hindert sie daran, sinnvolle Schritte zu wagen. „Ich kann nicht mehr und will auch nicht mehr! Ich bin am Ende.“

So mag's damals gewesen sein: im babylonischen Exil, in dem Teile des Volkes Israel sich im 6. Jahrhundert vor Christus befanden. Alles, was zu einem erfüllten Leben gehört, schien verloren, alles, worauf sich der Glaube gründet, bedeutungslos geworden. Die Sehnsucht nach Veränderung ist verblasst, überlagert von der Unausweichlichkeit der Situation. Anfangs lebten sie noch von der Erinnerung. Doch je länger das Leid dauerte, desto schwerer fielen Erinnern und Hoffen. Die erlebte Realität bestimmt das Denken und Fühlen so sehr, dass es schwer fällt, sich so an vergangene Zeiten zu erinnern, dass daraus nicht noch mehr Enttäuschung fließt, oder so auf bessere Zeiten zu hoffen, dass daraus Kraft erwachsen kann. Einige beklagen diese Situation vor Gott. Andere haben sich längst gleichgültig abgewandt. Gott droht aus ihrem Leben zu verschwinden. Sie sind schon nicht mehr enttäuscht, sondern ganz einfach uninteressiert.

Auch für uns ist das heute keine fremde Situation. Nach wochenlangem Shutdown, Kontaktverbot macht sich bei vielen Zeitgenossen Perspektivlosigkeit breit und Sorge. Wo die Hoffnung fehlt, gibt es kein Ziel mehr. Aus Zweifel wird schließlich Verzweiflung. Es ist schwer an etwas zu glauben, das man nicht fassen kann, nicht irgendwie vor Augen hat.

Ich beobachte das oft bei Menschen, die einen Angehörigen, einen Menschen, den sie lieben, zu Hause pflegen. Das geht vielfach über ihre Kräfte, sie fühlen sich ausgelaugt, können oder wollen das aber nicht zeigen; sie sind erschöpft und resignieren; denn in den meisten Fällen gibt es keine Aussicht auf Besserung. Schon beim Aufwachen sind sie müde. Wo Hoffnung fehlt, geht Lebenskraft verloren.

Ja, es gibt so vieles, das uns die Kraft raubt, das uns müde werden lässt. Wie das Volk Israel damals nach der großen Niederlage, nach der Vertreibung und nach der Wiederkehr in ein zerstörtes, völlig am Boden liegendes Land, wirtschaftlich und religiös am Boden liegend, am Boden zerstört. Doch da steht einer auf und widerspricht der Klage, widerspricht der Anklage und wird zum Verteidiger des Angeklagten, ja, Gott, der angeklagte Gott lässt seinen Propheten für sich sprechen. Und dieser zeigt einen Weg auf, trotz der ausweglos erscheinenden Situation neue Schritte zu wagen. Es ist schon ein merkwürdiger Weg, den Jesaja wählt, um das Volk aus der Resignation und Bitterkeit, aus der Verbitterung herauszuholen. Er spricht von der Schöpfung, genauer: vom Schöpfer. Als wäre das so selbstverständlich. Der Glaube spricht so! Da sind die Sterne die „Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde“, wie es der vierte Schöpfungstag beschreibt, Zeugen von Gottes „Macht und starker Kraft“. Für den modernen Menschen, der die Kindererzählungen hinter sich gelassen hat, ist das alles eher bedenklich. Muss er nicht durch die immer tieferen Einblicke in das Universum das Gefühl unendlicher Kälte und Einsamkeit haben, auch das Empfinden der eigenen Winzigkeit und Bedeutungslosigkeit? Es ist ein bemerkenswerter Schritt von der Wahrnehmung der Größe der Schöpfung hin zu dem Glauben, der den Schöpfer „Vater“ nennen kann. Ein Glaube, der sich nicht an die Stelle naturwissenschaftlicher Erkenntnis setzt. Aber er qualifiziert sie. Er lernt von ihr das Staunen über die Unendlichkeit und bezeugt ihr, dass Gott der Schöpfer und Erhalter, die Liebe und unser aller Vater ist.

Beneidenswert, wie klar und eindeutig alles für Jesaja ist. Daher seine Ungeduld, die man seinem beredten Versuch ab spürt, die Menschen aus ihrer Lethargie zu reißen. Er argumentiert ja eigentlich gar nicht, sondern er erzählt von Gott. Er erzählt von dem Schöpfergott, der doch die Enden der Welt geformt, der das Volk Israel aus Ägypten geführt und überhaupt erst zu einem Volk gemacht, der David ein eigenes Reich gegeben und ihm schließlich verheißen hat, dass es Bestand haben soll. Und indem er das tut, gewinnt die Unendlichkeit Konturen, bekommt die Zufälligkeit Sinn, werden wir Erdenkinder Erben einer Verheißung.

Manchmal sind solche Umwege nötig. Manchmal muss man ein paar Schritte zurücktreten, um einen neuen Blickwinkel zu gewinnen. 500 Jahre liegt für Jesaja die Davidzeit zurück, 1000 Jahre und mehr der Auszug aus Ägypten, nach damaliger Überzeugung etwa 2500 Jahre die Schöpfung. Das Ergebnis lässt sich sehen. In den großen Strom von Schöpfung, Geschichte und Heilsgeschichte eingeordnet, verliert die eigene Situation ihre schiere Ausweglosigkeit.

Manchmal sind solche Umwege nötig. Manchmal muss man ein paar Schritte zurücktreten, um einen neuen Blickwinkel zu gewinnen. Manchmal muss man zurückblicken und sich erinnern, an das, was einem an Gutem geschenkt.

Im Gesangbuch finden sich Lieder wieder, die uns aus Kindertagen vertraut sind, aber dann sozusagen „abgelegt“ wurden. An eines erinnere ich mich besonders. Sehr naiv, gewiss auch sehr harmlos. Aber um des letzten Satzes willen darf man es nicht vergessen. Ich habe dieses Lied als Kind gelernt von meiner Mutter, dann aber auch lange Jahre wieder vergessen, denn es konnte den Lebensproblemen nicht standhalten. Aber es muss im Verborgenen mitgegangen sein, als Grundelement, als ein Stück Urvertrauen. „Kennt auch dich und hat dich lieb!“, so heißt der letzte Satz aus dem Lied „Weißt du wieviel Sternlein stehen?“ Und vielleicht erinnert sich die eine oder der andere mit an dieses einfache Lied (Ev. Gesangbuch Nr. 511), bei dem es in der dritten Strophe heißt: Weißt du, wie viel Kinder frühe/ stehn aus ihren Bettlein auf,/ dass sie ohne Sorg' und Mühe/ fröhlich sind im Tageslauf?/ Gott im Himmel hat an Allen/ seine Lust, sein Wohlgefallen,/ kennt auch dich und hat dich lieb/ kennt auch dich und hat dich lieb. https://www.lieder-archiv.de/w...

„Kennt auch dich und hat dich lieb!“ Daran sollen wir uns erinnern lassen. Auch jetzt in diesen schwierigen Zeiten. Gott kennt uns. Er hat uns bei unserem Namen gerufen und dieses mit der Taufe besiegelt. Daran können und dürfen wir uns erinnern lassen, besonders dann wenn wir müde und kraftlos zu werden drohen, dann wenn wir ihn vielleicht gar nicht spüren, weil uns die Sorgen und Ängste den Blick für die Zukunft verstellen, dann ist Gott uns am nächsten. Das ist die Hoffnung, aus der unser Text spricht. Darum kann der Prophet auch mit diesem Jubelruf schließen: die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Der Prophet muss die neue Kraft gespürt haben, wie könnte er sonst mit solcher Gewissheit davon sprechen. Für ihn hängt alles daran, auf den Herren zu harren. Das Wort, das im Deutschen mit harren übersetzt wird, hat etwas mit Stärke zu tun, vielleicht gar mit Sturheit. Auf den Herren harren heißt dann, mit ganzer Anspannung auf Gott zu schauen, alles von ihm zu erwarten, das Leben von dieser Gottesbindung her bestimmen zu lassen. Nein, es wird nichts Übermenschliches verlangt, eher etwas Menschliches: die Erkenntnis meiner Unzulänglichkeit und die Hoffnung auf Gottes Güte.

Und so ist die Rede des Jesaja im Grunde mehr als eine Verteidigungsrede. Sie ist ein Plädoyer dafür, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sich im Leben etwas ändern kann und wird. Ich bin davon überzeugt, dass in jedem und in jeder von uns solche hoffnungsvollen Erinnerungen stecken, die neuen Mut und unserem Leben Zuversicht geben können.

Eine davon, wohl die wichtigste, ist uns durch das Osterfest geschenkt: die Erinnerung an die Auferstehung Jesu Christi. Bei Gott ist selbst der Tod kein unabänderliches Schicksal mehr. Was der Prophet Jesaja mit dem Bild des Adlers, nur andeuten kann, ist uns durch das leere Grab konkret geworden. Gott gibt dem Leben Raum, selbst da, wo es an sein Ende gekommen scheint. Es gibt Leid und Tod in dieser Welt, aber auch Hoffnung und Zukunft. Wer auf Gott vertraut, bekommt immer wieder neue Kraft. „Der Glaube verleiht Flügel!“

Niemand konnte diesen Glauben besser formulieren als Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg von den Nazis umgebracht wurde. Aus dem Gefängnis heraus ist uns sein Glaubensbekenntnis überliefert, welches für uns heute eine Antwort sein kann, auf das Prophetenwort, das uns zu gesprochen wurde. Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage
so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im Voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben
müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer
nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist,
mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete und
verantwortliche Taten wartet und antwortet. Amen.

Wir beten:

Herr, guter Gott! Wir danken dir, dass du uns durch Jesus Christus, durch seine Auferstehung das Leben schenkst und die Kraft und den Mut zum Leben.
Wir bitten dich um neue Kräfte und neuen Mut,
für die Kranken und Sterbenden,
für die Alten, Einsamen und Verzweifelten.
Lass sie Beistand erfahren, damit sie Hilfe finden und gestärkt werden.
Wir bitten dich um neue Kraft und neuen Mut zum Leben
für die, die um einen lieben Menschen trauern, der gestorben ist.
Gott, wir bitten für uns selbst: Schenke uns von deiner Schöpferkraft
so viel, so reichlich, dass wir aufstehen können und tragen, was uns das Leben aufgibt. Amen.

Lied: EG 115, 1-5 Jesus lebt, mit ihm auch ich

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