Predigten in bewegenden Zeiten (8) Misericordias Domini | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht am So., 26. Apr. 2020 08:00 Uhr

Liebe Gemeindeglieder der Trinitatis-Kirchengemeinde,

im Augenblick müssen Sie auf liebgewordene kirchliche Angebote verzichten. Dazu gehören vor allem unsere Sonntagsgottesdienste in der Trinitatiskirche. Wir haben uns entschlossen, wie schon an den Sonn- und Feiertagen zuvor und an den kommenden Sonntagen, an denen kein Gottesdienst stattfindet, Ihnen einen Angebot zu machen, mit dem wir Sie an den Predigtworten Anteil nehmen lassen; für den jeweiligen Sonntag verfassen wir eine Predigt, die dann auf unserer Homepage (www.trinitatis-berlin.de) veröffentlicht wird, und auch analog in ausgedruckter Form in den Plexiglaskästen am Gemeindehaus und an der Kirche erhältlich ist. So wollen wir geistlich mit allen Gemeindegliedern verbunden bleiben.

Wir wünschen Ihnen eine Mut machende Osterzeit.
Bleiben Sie gesund und behütet

Ihr Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt und Ihr Pastor i. R. Manfred Naujeck.

Misericordias Domini, 26.04.2020 – im Zeichen von Corona

 

Wochenspruch: Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
(Johannes-Evangelium 10,11a.27-28a)

Psalm 23 (Psalm des Sonntags)

Ein Psalm Davids.
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

 

Evangelium: Johannes 10,11-16

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

...

Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann es aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.

 

 

Epistel: 1. Petrus 2,21b-25

Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Gedanken: Schafe im Nebel

Liebe Gemeinde,

Misericordias Domini – der Sonntag des Guten Hirten, den wir heute begehen, nimmt ein weiteres Mal die Barmherzigkeit Gottes (Misericordias Domini) in den Blick. Die Texte erzählen von Gott, der Anteil nehmend, nachsichtig, voller Mitgefühl und Menschenliebe mit seinen Geschöpfen umgeht – und dasselbe von ihnen auch erwartet.

Prägend an diesem Sonntag ist für mich der 23. Psalm – einer der wenigen biblischen Texte, die selbst in der säkular gewordenen Welt „überlebt“ haben. Für viele unter uns zählt er wohl zum „Notgepäck“ unserer spirituellen Existenz – so auch für mich: Wenn ich nur einen einzigen Psalm auf jene sagenhafte einsame Insel mitnehmen dürfte: es wäre sicher Psalm 23!

Und so klingt er an diesem Sonntag in mir besonders nach – am nächsten ist mir Vers 4: „und ob ich schon wanderte im finstern Tal“! Nicht finster ist das Tal, durch das ich, durch das wir in diesen Zeiten gehen – die Sonne scheint ja viel zu strahlend – aber nebelig kommt es mir vor: im tiefen Nebel den Weg kaum sehen, nicht wissen wohin, wie weiter – fester oder lockerer – mit Masken oder ohne – U-Bahn oder doch weiter Fahrrad – alleine oder doch mal eben zur Nachbarin? Ich sehe den Weg nicht und schon gar nicht das Ziel. Schon gar nicht das Ziel? Na doch! Klar doch: dass der Nebel sich lichtet, dass ich wieder sehen kann, wohin es geht! Dann einmal. Aber jetzt: wie umherirrende Schafe mitten im Nebel! An Autofahrten durch dichtesten Nebel erinnere ich mich, die Scheinwerfer halfen nicht, machten es nur schlimmer. Nicht einmal die Straßenmarkierungen waren zu sehen – hilfloses Vorantasten. Einer musste aussteigen, vorausgehen, im Wortsinn: tasten, wo der Weg weitergeht. Lauschen auf die Geräusche aus dem Unerkennbaren, Nebelhörner, Hupen, Fahrgeräusche. Und ich am Steuer des Autos hörte seine Stimme: „Ja, hier geht’s – bisschen weiter nach rechts – noch ein Stück – da ist eine Haltebucht !“ Anhalten – abwarten – sorgenvoll – fragend: „Wird der Nebel sich lichten? WANN wird der Nebel sich lichten?“

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück!“ vertraut der Psalmbeter. „Ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ weiß der Autor des 1. Petrusbriefes. Denn: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir!“ erinnert Johannes an Jesu Worte.

Im Nebel dieser Tage spricht mich das an. Ich versuche auf die Stimme Jesu zu hören, an ihr Orientierung zu gewinnen und zu behalten – darauf zu vertrauen, dass ich selbst im tiefsten Nebel kein Desaster fürchten muss. Gott ist bei mir, wendet sich mir mitten in den Nebelbänken barmherzig zu, lässt mich selbst in Krankheit und Tod nicht allein. In Christus war das erlebbar – an Karfreitag und Ostern haben wir das gerade gefeiert – im Nebel! Der gute Hirte ist mit seinen Schafen – lässt sie auch in Todesschattentälern nicht im Stich. Der gute Hirte bleibt bei den Seinen, haut nicht ab, schlägt sich nicht alleine durch, will nicht ohne uns sein – selbst, wenn das für ihn (auch) den Tod bedeutet. „Du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich!“

Das kann ich –  einem Nebelhorn gleich –
nur immer wieder in den Nebel hinein rufen – und aus dem Nebel heraus hören:
Gott ist da – auch wenn du es nicht begreifen kannst.
Gott ist da – auch wenn Krankheit oder gar Tod nach dir greifen.
Gott ist da – auch wenn dich die Einsamkeit zu erdrücken droht.
Gott ist da – auch wenn du nicht weißt, was du deinen Kindern noch anbieten kannst.
Gott ist da – auch wenn dir der Spuckschutz im Supermarkt kaum zu helfen scheint.
Gott ist da – auch wenn du langsam am Ende deiner Kräfte bist.
Gott ist da – in voller Barmherzigkeit!

Gott ist da – und lädt mich ein, in seine, in Jesu Fußstapfen zu treten. Denn in ihm gibt es ja dieses Vorbild, das mich dazu anreizen will. Kann auch ich im Nebel für andere da sein? Kann auch ich anderen Hilfe sein? Kann auch ich dazu beitragen, die Nebelzeiten etwas erträglicher zu gestalten, ohne dabei gleich selber zum Nebelwerfer zu werden? Viele haben diese Fragen inzwischen längst positiv beantwortet und gehen so in Jesu Fußstapfen: die Nachbarschaftshilfen, die Telefonkontakte, die Anrufbeantworter-Andachten, die Online-Angebote, die fantasievollen Beratungen, die Maskennäher*innen, usw. usw. usw.! Da sind wir dabei, Tische vorzubereiten und voll einzuschenken. Nicht dass wir aus der Nebelbank schon raus wären, aber eine Idee davon, dass es gut werden kann, dass sich der Nebel einmal lichten wird, kann ich gewinnen! Fast geht es mir dann schon wie Hanns Dieter Hüsch in seinem „Psalm“:

Ich bin vergnügt
Erlöst
Befreit
Gott nahm in seine Hände
Meine Zeit
Mein Fühlen Denken
Hören Sagen
Mein Triumphieren
Und Verzagen
Das Elend
und die Zärtlichkeit

Was macht dass ich so fröhlich bin
In meinem kleinen Reich
Ich sing und tanze her und hin
Vom Kindbett bis zur Leich

Was macht dass ich so furchtlos bin
An vielen dunklen Tagen
Es kommt ein Geist in meinen Sinn
Will mich durchs Leben tragen

Was macht dass ich so unbeschwert
Und mich kein Trübsinn hält
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
Wohl über alle Welt

Gott ist da – in voller Barmherzigkeit! Amen.

 

Wochenlied (Evangelisches Gesangbuch Nr. 358):

    1. Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt, die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land. Er lässt sie nicht verderben, er führt sie aus und ein; im Leben und im Sterben sind sie und bleiben sein.
    2. Er kennet seine Scharen am Glauben, der nicht schaut und doch dem Unsichtbaren, als säh er ihn, vertraut; der aus dem Wort gezeuget und durch das Wort sich nährt und vor dem Wort sich beuget und mit dem Wort sich wehrt.
    3. Er kennt sie als die Seinen an ihrer Hoffnung Mut, die fröhlich auf dem einen, dass er der Herr ist, ruht, in seiner Wahrheit Glanze sich sonnet, frei und kühn, die wundersame Pflanze, die immerdar ist grün.
    4. Er kennt sie an der Liebe, die seiner Liebe Frucht und die mit lauterm Triebe ihm zu gefallen sucht; die andern so begegnet, wie er das Herz bewegt, die segnet, wie er segnet, und trägt, wie er sie trägt.
    5. So hilf uns, Herr, zum Glauben und halt uns fest dabei; lass nichts die Hoffnung rauben; die Liebe herzlich sei! Und wird der Tag erscheinen, da dich die Welt wird sehn, so lass uns als die Deinen zu deiner Rechten stehn! 

    Kommen Sie behütet und gesund durch den Nebel!

    Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag,

    Ihr

    Carsten Bolz

    Kategorien Predigten