Predigten in bewegenden Zeiten (9) Jubilate | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht am So., 3. Mai. 2020 08:00 Uhr

Liebe Gemeindeglieder der Trinitatis-Kirchengemeinde,

im Augenblick müssen Sie auf liebgewordene kirchliche Angebote verzichten. Dazu gehören vor allem unsere Sonntagsgottesdienste in der Trinitatiskirche. Wir haben uns entschlossen, wie schon an den Sonn- und Feiertagen zuvor und an den kommenden Sonntagen, an denen kein Gottesdienst stattfindet, Ihnen einen Angebot zu machen, mit dem wir Sie an den Predigtworten Anteil nehmen lassen; für den jeweiligen Sonntag verfassen wir eine Predigt, die dann auf unserer Homepage (www.trinitatis-berlin.de) veröffentlicht wird, und auch analog in ausgedruckter Form in den Plexiglaskästen am Gemeindehaus und an der Kirche erhältlich ist. So wollen wir geistlich mit allen Gemeindegliedern verbunden bleiben.

Wir wünschen Ihnen eine Mut machende Osterzeit.
Bleiben Sie gesund und behütet

Ihr Pfarrer Ulrich Hutter-Wolandt und Ihr Pastor i. R. Manfred Naujeck.

Predigtgedanken von Pfr. Ulrich Hutter-Wolandt zu Johannes 15, 1-8: Der wahre Weinstock am Sonntag Jubilate, 3. Mai 2020.

Joh 15, 1-8
1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Das Thema der Fruchtbarkeit und der eigenen Kreativität bewegt auch die Menschen unserer Tage. Angesichts von verdürrten Feldern und Wäldern, weil der April 2020 zu trocken war und der Corona-Pandemie, wo viele Menschen Home-Office machen müssen und gleichzeitig sich auch um ihre Kinder kümmern müssen, die im Augenblick noch nicht regelmäßig in die Schule oder die KITA gehen können, fragen sich die Menschen: Wie kann ich das alles bewältigen und wozu bin ich da? Was will oder kann ich mit meinem Leben machen, wenn ich vielleicht demnächst wegen dieser weltumspannenden Krise keinen Arbeitsplatz mehr habe, wenn mir die Existenzgrundlage unter den Füßen weggezogen wird oder ich über Wochen und Monate eventuell Kurzarbeit machen muss? Doch bleiben diese Fragen nur eine Krisenanzeige, wenn die Sinnfrage nicht zur Grundfrage des Lebens wird. Ich habe vor einiger Zeit Jugendliche gefragt, was für sie persönlich die Frage nach dem Sinn des Lebens bedeutet. Es kamen ganz unterschiedliche Antworten: Spaß und Lebensfreude machen den Sinn des Lebens aus, andere sprachen vom Glück, wieder andere von der Erfüllung im Beruf oder vom schnellen Geldverdienen. Einige meinten auch, dass ihnen die Schule zu wenig soziale Kompetenz für ihr späteres Leben vermittele. Für die Jugendlichen war auf der Grundlage des Textes Joh 15, 1-8 wichtig, dass der Begriff „wachsen“ für sie heißt: heranreifen, sich entwickeln, an die Hand genommen werden.

Wachsen wird aber immer auch als ein Geheimnis verstanden. Die Frage nach dem Sinn des Lebens war für die Jugendlichen der Ausgangspunkt, über die eigene Identität nachzudenken. In vielen Regionen Deutschlands fühlen sich junge Menschen, wenn sie sich bewerben, total ausgegrenzt. Sie erfahren unter Umständen, dass sie zu hoch qualifiziert sind. Da stellt sich bei den Jugendlichen unmittelbar die Frage: warum habe ich über viele Jahre die Schule besucht, wenn ich doch keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz bekomme?

Ist dieser Text nicht auch ein weiteres Beispiel für Leistung und Leistungsdenken, das in unserer Gesellschaft überall vorherrscht? „Haste was, dann biste was; haste nix, dann biste nix, haste was, kannste was, kaputt!“ (Peter Janssen, Moderne Geistliche Lieder). Wer heute nicht jung, gutaussehend, dynamisch ist (man beobachte nur die Werbung im Fernsehen oder in den Printmedien), wer nicht gut in dieser Gesellschaft funktioniert, der steht „draußen vor der Tür“ dieser Gesellschaft, der ist out.

Das erleben alle, die im Arbeitsprozess stehen, ja das erleben sogar schon Kinder. Auch sie stehen unter einem enormen Druck, etwas leisten zu müssen. Verhaltensauffälligkeiten und sogar psychosomatische Krankheiten sind heute schon bei Kindern im Grundschulalter an der Tagesordnung, noch gar nicht abzusehen, was durch die Corona-Krise durch die Beschränkungen bei Kindern und Jugendlichen ausgelöst wird.

 

Bedeutet nicht das Fruchtbringen, von dem im Text gesprochen wird, dass wir unter einem ungeheuren Zwang und Druck stehen, etwas leisten zu müssen? Können wir nicht diesen Leistungsdruck vergessen, wenn wir das Bleiben in Jesus, bei seiner Gemeinde zum Ziel unseres Lebens machen?

Deshalb scheint mir dieser Text gerade in diesen Tagen so wichtig, weil er dem Menschen den Druck nimmt, die Halt und Geborgenheit in diesen Wochen der Krise im Leben und im Glauben suchen. Worauf kann ich bauen, wo finde ich Geborgenheit, wo werde ich verstanden, so lauten Fragen von jungen und alten Menschen. Wir müssen den Menschen das Gefühl vermitteln, dass sie aufgehoben sind und ohne Angst vor Konsequenzen auch Schwäche zeigen dürfen und ganz besonders in Corona-zeiten. Deshalb öffnen wir die Kirchen zum stillen Gebet, wie das im Augenblick auch in vielen Gemeinden in unserem Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf geschieht. Ab der kommenden Woche dürfen wir wieder zu andachtsähnlichen Formen zusammenkommen, wobei die Besucherzahl auf 50 Personen begrenzt ist, leider das Singen nicht praktiziert werden soll. Aber immerhin wird nach vielen Wochen ohne Gottesdienst ein Anfang gemacht.

 

Ist das nicht am Sonntag Jubilate, der uns zuruft „freuet euch“, eine gute Botschaft? Trotz der Corona-Krise und der im Augenblick ernsten und kritischen Situation, in der Welt, in Deutschland, in den Städten und Dörfern, dürfen wir Grund zur Freude haben. Jesus ist auch heute bei seiner Gemeinde in Wort und Sakrament; es ist eine freudige Nachricht, die sich ausbreitet zwischen Ostern und Pfingsten. Nehmen wir diese Aussage des Predigttextes ernst und sagen den Menschen diese frohe, heilende und tröstliche Botschaft, dass Jesus seine Gemeinde nicht verlässt, sondern bei ihr alle Tage bis an der Welt Ende ist und beten wir mit Worten der Verheißung von Lothar Zenetti:

Menschen, die aus der Hoffnung leben, sehen weiter
Menschen, die aus der Liebe leben, sehen tiefer
Menschen, die aus dem Glauben leben sehen alles in einem anderen Licht.
(Lothar Zenetti, Texte der Zuversicht, München 1972, 285)

 EG 410 Christus, das Licht der Welt

  1. Christus, das Licht der Welt. Welch ein Grund zur Freude! In unser Dunkel kam er als ein Bruder. Wer ihm begegnet, der sieht auch den Vater. Ehre sei Gott, dem Herrn!
  2. Christus, das Heil der Welt. Welch ein Grund zur Freude! Weil er uns lieb hat, lieben wir einander. Er schenkt Gemeinschaft zwischen Gott und Menschen. Ehre sei Gott, dem Herrn!
  3. Christus, der Herr der Welt. Welch ein Grund zur Freude! Von uns verraten, starb er ganz verlassen. Doch er vergab uns, und wir sind die Seinen. Ehre sei Gott, dem Herrn!
  4. Gebt Gott die Ehre. Hier ist Grund zur Freude! Freut euch am Vater. Freuet euch am Sohne. Freut euch am Geiste: denn wir sind gerettet. Ehre sei Gott, dem Herrn!

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